Klettertourenwoche in Orpierre
(Provence, Südfrankreich) |
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| Teilnehmer:
keine Angaben
Leiter:
keine Angaben |
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Einfach
weg! Abschalten und Ferien machen. Den Alltag mit all seinen
Verpflichtungen hinter sich lassen. Das hat mich dazu bewogen
mich für diese Tourenwoche anzumelden. Ich wusste nicht
genau, worauf ich mich da einlassen werde. Bis anhin bevorzugte
ich es, die Berge mit Joggingschuhen, Bergschuhen und Steigeisen
oder mit Skiern zu besteigen. Aber eine ganze Woche mit Kletterfinken
und all dem Metall am Klettergurt?
Geleitet wird die Woche von Huby Stählin und Elmar Schnellmann.
Mit Gustav Schnyder, Reto Hermann und Walter Diethelm sind
weitere ambitionierte Kletterer mit von der Partie. Ja sogar
der Präsident Urs Lehmann will ein Wort mitreden. So machen
wir uns früh am Samstagmorgen 3. Oktober auf die
Reise gen Süden. Um halb neun Kaffeehalt in Payerne. Eine
Stunde später rollen wir über die Grenze. Kurz nach
Grenoble Mittagsrast. Wir erinnern uns noch Tage später
an den Lapin, der uns aufgetischt wurde! |
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Frühnachmittags in Orpierre angekommen, kann uns
(oder zumindest die Klettererfahrenen) nichts mehr halten und
wir stürmen mit vollbepackten Rucksäcken ins Klettergebiet
Château, direkt hinter dem Dorf. Es herrscht reger Betrieb,
vor allem an den sonnenbeschienenen Hängen. So weichen
wir auf Routen aus, die mir ein erstes Kopfschütteln hervorrufen.
Gleich der Einstieg ist schon überhängend! Mit der
Hau-Ruck-Methode mogeln wir uns über die erste A0-Stufe
empor. Meine Beine sind noch ziemlich wacklig und unsicher.
Nach rund zwei Stunden genehmigen wir unser erstes Bier und
ich frage mich, wie ich wohl die nächsten Tage überstehen
werde?
Etwa 5 km ausserhalb Orpierre beziehen wir das Hotel Le Céans.
Walter strahlt, nachdem er endlich die Gewissheit hat, dass
er den Schlafsack und das Mätteli vorderhand nicht benötigt.
Das Abendessen schmeckt und schon bald ist Nachtruhe angesagt.
Wir sind alle müde von der langen Reise. |
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Nach
einem feinen Frühstücksbuffet und kurzem Breafing
fahren und steigen wir zu unserem Ausgangspunkt hoch. Leider
sind auch hier unsere vorgesehenen, einfacheren Routen belegt – on
parle Schwiizerdütsch! Elmar lässt uns deshalb gleich
an 5-er Routen ins eiskalte Wasser springen. Bereits auf halber
Höhe verlassen Walter und mich die Klettergeister! Unsere
zwei Leiter sind gefragt! Mit diversen Einseillängenrouten
und Standplatztheorie vergeht die Zeit wie im Fluge. Beim Vesperbier
wird schon der nächste Tag geplant.
Vor dem Nachtessen steht noch eine spezielle Herausforderung
auf dem Programm. Der Schreibende hat seine Slack-Line von zu
Hause mitgenommen und demonstriert Eleganz, Flexibilität
und Konzentration auf dem 3 cm schmalen, wackeligen Band. Vorwärts,
rückwärts und Drehungen gelingen wie auf Kommando.
Reto und Elmar zeigen viel Geduld und schaffen es nach rund eineinhalb
Stunden, für zwei Sekunden auf dem Band zu stehen! Ja, es
ist auch hier noch kein Meister vom Himmel gefallen und sie stellen
ernüchtern fest, dass diese Fortbewegungsart doch nicht
so leicht zu erlernen ist, wie es den Anschein macht. |
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Wir
beschliessen am nächsten Morgen einen längeren Anmarschweg
in Kauf zu nehmen. Aber auch hier treffen wir, wie schon tags
zuvor, auf Landsleute. C'est la monde – Grande et quand même
petite. Wiederum weichen wir aus. Elmar und Huby wollen uns
Routen im Schwierigkeitsgrad 5c schmackhaft machen. Mit viel
Unterstützung und dem Psychosäckli schafft unser
Präsident eine 5c+ im Vorstieg. Chapeau! Pardon, Helm
ab, vor dieser Leistung. Mir schaudert beim Hinaufschauen.
Aber schlussendlich schaffe auch ich diese Route und zum ersten
Mal kommt neben einer üblichen Portion Respekt auch ein
gutes Stück Zufriedenheit und Stolz auf. Um das Niveau
zu festigen, jagt uns Elmar gleich nochmals in Top-Rope-Manier
die Wand hoch. C'est bon pur le moral, meint er. So beschäftigen
wir uns ganztags mit rauf und runter, mal besser mal schlechter.
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Den guten Eindruck, den alle Teilnehmer während den
ersten Tagen hinterlassen haben, bewegen Huby und Elmar dazu,
uns für Dienstag eine Mehrseillängenroute in 8 Etappen
vorzuschlagen. Mit einer Dreierseilschaft Elmar, Gusti und
Reto, sowie zwei Zweierseilschaften Huby mit Urs und Walter
mit dem Schreibenden, wagen wir uns an „Brazil“ (170
m – 8 Longeurs – 5c+! 2001 von Pierre.Yves zu Ehren seines
aus Brasilien eintreffenden Sohnes Everton eingerichtet. Eine
sehr homogene Mehrseillängentour auf Platten in den Schwierigkeitsbereichen
5b und 5c) . Wir sind stolz darauf, in abwechselndem Vorstieg
nach rund vier Stunden, über das letzte und zugleich schwierigste
Hindernis, den Gipfel erreicht zu haben. Für den Rückweg
haben unsere Guides die Abseilrouten ins Visier genommen. Einmal
35 m und einmal 40 m, laut Kletterführer. Elmar bewaffnet
sich am zweiten Stand mit den restlichen Seilen und entschwindet
in der Tiefe. Nach längerem Warten wird das Seil endlich
entlastet und wir können hinterher. Unterwegs müssen
wir an einem Stand nochmals „umfädeln“, denn für
die zweiten 40 m reichte ein 50 m-Seil nicht aus! Irgendwo
fehlten 20 Meter! Welche Überraschung, wenn du Ende Seil
noch 20 Höhenmeter zu überwinden hast! Darum hatte
Elmar also vorsorglich alles Nylon mitgenommen. Zufrieden und
begeistert begiessen wir einen weiteren wunderschönen
und erfolgreichen Tag.
Während
dem Nachtessen wird Elmar vom Höhenrausch befallen. Nicht
wegen des feines Weines und schon gar nicht wegen Madame Roux,
sondern eher aus seiner Planung des nächsten Tages. Sein
Tourenvorschlag sagt mir an diesem Abend nicht viel und ich
erkundige mich auch nicht selbst in unserem Kletterführer.
Aber als am nächsten Morgen am Frühstückstisch
ausgiebig diskutiert wird, wer mit wem und wer im Vorstieg,
frage ich mich, was ich zu erwarten habe? Bis anhin nahm ich
es vorweg, so wie's kam. Ich war ja völlig unerfahren
und liess mich führen. Aber die nicht enden wollenden
Diskussion und die Unentschlossenheit Einzelner liessen mich
auch etwas verunsichern. Das Wetter zumindest versprach einen
wunderschönen und warmen Herbsttag. |
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Elmar hat entschieden und so stehen wir zwei Stunden später,
ohne Gusti, der sich einen Freitag gönnt, mit drei Zweierseilschaften
am Einstieg zu „Le dièdre sud“ (170 m – 7 Longeurs – 5c,
Ein wahrer Klassiker gleich oberhalb des Dorfes. Die Route stammt
aus der Zeit in der es Klettern noch gar nicht gab und in Orpierre
Alpinisten trainierten. Risse, Verschneidungen, steile Wände,
Tropflöcher – hier sind alle Kletterseile vertreten. Es
gibt sogar einen hübschen Quergang nach „Le grand Jardin“,
den Nicolas der Route hinzugefügt hat. Niveau 5c wird vorausgesetzt,
5b für den Nachsteiger) .
Ein angegrauter Engländer hat sich schon eingerichtet und sucht noch
seine Begleiterin. Wir warten und ich schaue mal die Wand hoch, mal zu meinem
Seilpartner Urs und mal in mein Inneres. Dieses wird umso schüchterner,
je länger das Warten dauert. Verlässt mich nun ausgerechnet in der
Königsetappe unserer Kletterwoche mein innerer Schweinehund?
Ich bin froh, als es endlich losgeht und Urs die erste Seillänge übernimmt.
Das Warten hat an meinen Nerven gezehrt. Unsicher und mit einem mulmigen Gefühl
im Bauch steige ich hinterher. Es klappt mit Hilfe eines eisenfesten Tritts!
und einem langen Express! noch ansprechend. Die zweite Länge in der Verschneidung
darf ich führen. Ohne Probleme und Mogeleien erklimme ich die zweite Seillänge
bis zum nächsten Stand. |
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Urs und ich kämpfen uns,
abwechselnd im Vorstieg, die Wand des Quiquillon hoch. Nach
der vierten Seillänge klettern wir so frei, dass bereits
wieder flotte Sprüche die Runde machen. Oder ist es am
Ende doch nur ein Ablenkmanöver vor den noch vor uns liegenden,
anspruchsvollen Höhenmetern? Mit den letzten Reserven
an Kraft und Psyche stehen wir um 14 Uhr auf dem Gipfel. Juhuiii!
Ich glaub, ich spreche auch für andere Teilnehmer, wenn
ich für mich festhalten kann, dass ich in dieser Kletterwoche
einmal mehr über mich hinausgewachsen bin.
Relativ
zügig geht's anschliessend ans Abseilen. Wir kennen die
Route ja bereits. Elmar sichert oben und Huby steigt sogleich
ab. Ich folge, mit einem weiteren Seil im Rucksack, zur zweiten
Abseilstelle. Da wir vom Vortag her wissen, dass ab der zweiten
Abseilstelle noch 60 Höhenmeter zu überwinden sind,
installieren wir die zwei 60 Meter langen Einfachseile. Die Enden
fein säuberlich zusammengeknöpft, entschwindet das
Seil vom Winde verweht in der Tiefe. Abseilachter und Prusik
montiert und ich hinterher. Mit Erstaunen stelle ich halb unten
fest, dass das eine Seil brav senkrecht hängt, das andere
jedoch wie eine Wäscheleine horizontal in der Wand! Alles
Rütteln und Schütteln bringt nichts. None d'une pipe!
Was mach ich Greenhorn nun? Wie aus dem Nichts präsentiert
sich zwei Meter rechts von mir ein Standplatz. Meine Rettung
- zumindest vorerst, und ich kann Huby durch Zurufen auf meine
missliche Lage aufmerksam machen. Der Rettungsversuch von Huby
misslingt und er hängt rund 10 Meter unter mir in der Wand
fest! Jetzt kann nur noch Supermann helfen, denke ich. Akrobatisch
schwingt sich Elmar in die Tiefe, hangelt sich in der senkrechten
Wand rund 20 Meter westwärts und löst das in einer
tiefen Kerbe festgeklemmte Seil. Nach mir unendlich lange vorgekommenen
Minuten kann ich mich wieder einfädeln und die Reise auf
festem Boden beenden. Danke Elmar! Für Gesprächsstoff
während dem Feierabendbier ist auf jeden Fall gesorgt. Mit
Seiltanz und jouer aux boules vertreiben wir uns die Zeit jusque
la diner.
Der Donnerstag soll etwas gemütlicher angegangen werden. Der Schreibende
selbst gönnt sich einen kletterfreien Tag. Er schreibt Karten während
der Kaffeepause und schlendert auf der Suche nach interessanten Sujets durch
die alten Gassen von Orpierre. Per pedes gelangt er nach einem einstündigen
Fussmarsch zurück ins Hotel. Für Urs und Walter bringt der Tag ein
weiteres Highlight – Sie schaffen eine 6a-Route im Vorstieg. Chapeau! Gusti
und Reto mühen sich derweil mit zusammengeknöpften Kletterfinken
den Berg hoch. Auf jeden Fall gönnt ihnen der Tag schöne Ausblicke
und tiefe Einblicke! |
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„Geschmeidigkeit, Rhythmus,
Eleganz, etwas mehr als nur eine gymnastische Leistung: Kletterer
oder Meistertänzer? Im vorliegenden Fall führt
der Maître zur Einführung in eine Mehrseillängentour
der Schwierigkeit 5a mit einer kleinen 5b-Schlüsselstelle
in L4. Dabei wird Ihnen wahrscheinlich L3 mit ihrem horizontalen
Quergang über dem Nichts am eindrücklichsten in
Erinnerung bleiben.“ So umschreibt der Kletterführer „Le
maître de la danse“ (90 m – 6 Longeurs – 5b). Da ich
heute mit Elmar eine Seilschaft bilde, muss oder darf ich
die ganze Führungsarbeit alleine leisten. Wer ist da
der Führer und wer der Gast! Der Abstieg führt über
die „Ascle-Bresche“ zurück an den Ausgangspunkt. Aber
Halt, noch ist nicht Feierabend. Da die Uhr erst halb zwei
zeigt, zieht es uns noch an den „ Belleric“ / Coté Mines .
Das schöne Wetter und die gute Laune treibt uns noch
ein-zweimal die Wand hoch. Huby und Elmar demonstrieren uns
derweil ihr Können in einer anspruchsvollen 6-er Route.
Wir verneigen uns! Just als ein Platzregen einsetzt, sitzen
wir im Kletterbeizli und erlösen unsere trockenen Kehlen.
Ca nous a fait plaisir et nous nous amusons bien le dernier
soir. Mit einem feinen Dessert und mit einem exquisiten Marc,
den Huby übrigens wie Wasser die Kehle runterspült,
beschliessen wir eine unfallfreie, kameradschaftliche, sportlich
sehr erfolgreiche, von Schlechtwetter verschonte, sonnenverwöhnte,
kulinarisch mit Hochs und Tiefs gespickte Kletterwoche in Orpierre.
Ich bedanke mich im Namen aller Teilnehmer bei Huby und bei
Elmar für ihre Initiative, die seriösen Vorbereitungen
und Durchführungen der tollen Touren dieser Tage, sowie
bei unseren Chauffeuren Gusti und Huby für die angenehme
Reise. Speziellen Dank auch meinen verschiedenen Seilpartnern.
Sie haben mir Vertrauen geschenkt in meine Fähigkeiten
und sehr viel dazu beigetragen, dass ich mich während
der ganzen Woche wohl fühlte und ich nie mit Ängsten
in den Seilen hing. Diese Woche wird uns allen sicher noch
lange in bester Erinnerung bleiben und für die Teilnahme
an weiteren Kletterevents des SAC Zindelspitz animieren. |
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| René Kistler |
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